Die meisten Eltern können ins Boot geholt werden

Eltern und Erzieherinnen wollen eigentlich dasselbe: das Beste für das Kind. Dennoch kommt es in dieser Erziehungspartnerschaft immer wieder zu Missverständnissen und Problemen, die dieses gemeinsame Ziel gefährden. Wie die richtige Kommunikation eine solche Erziehungspartnerschaft stärkt und damit für alle Beteiligten hilfreich ist, erklärt die Kommunikationsexpertin Ulrike Lindner.

Ulrike Lindner: Das liegt zum einen daran, dass Kinderbetreuung, Bildung und Erziehung eine sehr emotionale Komponente hat. Diese “Dienstleistung” ist ja nicht mit anderen Dienstleistungen – etwa der einer Autowerkstatt – vergleichbar. Wenn Eltern merken, mit ihrem Kind stimmt etwas nicht in der Kita, dann reagieren sie schnell sehr emotional und sehr aufgeregt. Dazu kommt: Eltern wie Erzieherinnen stehen unter sehr hohem Druck und fühlen sich häufig überfordert. Eltern gelingt es nicht unbedingt, die Kommunikation so zu steuern, dass sie auf Augenhöhe und sachlich und ruhig stattfindet. Bei den Erzieherinnen ist es im Grunde ähnlich. Es werden immer mehr Anforderungen an sie gestellt und auch sie haben nicht immer die Kapazität, sich ruhig und entspannt in ein solches Gespräch zu begeben.

Beliebt sind bei vielen Eltern die sogenannten Tür- und Angel-Gespräche, also wenn die Kinder gebracht oder abgeholt werden – sollte man die besser vermeiden?

Ulrike Lindner: Tür- und Angel-Gespräche sind für Kommunikation sehr wichtig. Sie bauen viel Vertrauen und Nähe auf. Deswegen empfehle ich, solche Gespräche nicht abzublocken. Was aber sein muss, sind regelmäßige Fortbildungen und Supervisionen, damit die Erzieherinnen das passende Handwerkszeug erhalten, um in solchen spontanen Situationen richtig reagieren zu können. Etwa wenn sie mit Vorwürfen konfrontiert werden. Sie wissen dann, dass sie dieses Gespräch notfalls auch abbrechen und beispielsweise sagen können: “Ich muss mich erst mit einer Kollegin beraten.” Ganz wichtig ist, dass sich die Erzieherinnen über den Wert ihrer Arbeit bewusst sind. Ich begegne immer wieder so unglaublich motivierten und großartigen Fachkräften, sie müssen sich nicht verstecken und auch keine Angst – zum Beispiel vor Akademiker- oder Helikoptereltern – haben.

Und wie sieht es mit den anderen Eltern aus, also mit denen, die nur schwer erreichbar sind?

Ulrike Lindner: Zunächst einmal: Niemals können alle Eltern erreicht werden. Aber ein Großteil von ihnen kann mit einer regelmäßigen Kommunikation ins Boot geholt werden. Das ist deutlich mehr als nur ein Elternabend oder ein Kennenlerngespräch. Die Kita muss eine kontinuierliche Kommunikation pflegen mit Elternbriefen, mit Elternabenden, mit Informationsveranstaltungen, aber auch mit anderen schriftlichen Informationen. Eltern, die über diese Maßnahmen nicht erreicht werden, können zusätzlich gezielt angesprochen werden, etwa mit einem Anruf oder indem die Erzieherinnen bei Festen den persönlichen Kontakt suchen. Ganz entscheidend sind Wertschätzung und ein Klima des Willkommens. Also den Eltern klar zu machen: Ihr seid hier gern gesehen. Und jeder ist Experte: Die Eltern sind die Experten für ihr Kind und die Erzieherinnen sind die Experten für die Vorschulpädagogik. Die Eltern sehen ihr Kind im Mittelpunkt und die Erzieherinnen blicken auf die Gruppe und bringen dadurch einen ganz anderen wertvollen Blickwinkel mit ein.

Sind diese unterschiedlichen Blickwinkel nicht auch ein wunderbarer Nährboden für Konflikte?

Ulrike Lindner: Es gibt Situationen, in denen beide nicht miteinander reden können. Aber wenn die grundsätzliche Einstellung stimmt, sind Lösungen möglich. Eine Erziehungspartnerschaft lebt eigentlich von den selben Prinzipien wie eine andere Partnerschaft auch. Das ist gegenseitige Wertschätzung und Akzeptanz sowie Transparenz und gegenseitige Offenheit. Diese Prinzipien funktionieren in der privaten Partnerschaft genauso. Einzig die Voraussetzungen sind ein bisschen anders: Den Partner suche ich mir aus. Die Kindergarteneltern kann ich mir nicht aussuchen.

Gibt es (Kommunikations)Fallen, die Erzieherinnen tunlichst vermeiden sollten?

Ulrike Lindner: Es gibt zwei entscheidende Fallen. Die erste: Eltern bevormunden und die zweite: eine Verteidigungshaltung einnehmen. Bevormunden heißt, den Eltern die Entscheidung abzunehmen und sie damit klein zu machen und bei der Verteidigungshaltung macht sich die Erzieherin selbst klein. Diese beiden Kommunikationsfallen lassen ein Gespräch ganz schnell gegen die Wand fahren.

Quelle: Newsletter Wehrmann Education vom 07.03.2014

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